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If it isn't intersectional it isn't feminism

Ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre. Mein Mitbewohner sitzt in unserer Küche am Tisch, vor ihm der Laptop aufgeklappt. Es läuft ein YouTube-Video, ein amateurhaftes Handyfilmchen. Es sind Szenen von vermummten Menschen, die durch die Straßen laufen und Parolen rufen, den Arm zum Hitlergruß heben. Chemnitz 2018.

„Das, Alisa, passiert gerade in Deutschland. Genau jetzt“, sagt er zu mir und hebt beim Reden seine Augenbrauen. „Kannst du dir das vorstellen?“ Nein. Konnte ich nicht. Er sucht meinen Blick. Seine dunklen Augen blicken in meine dunklen Augen. „Ich hatte noch nie das Gefühl, dass ich in irgendeiner Art und Weise Rassismus erfahren hätte“, höre ich mich sagen. Und in diesem Moment habe ich das ich auch wirklich so geglaubt.

Ich bin Alisa, Mitbegründerin des Projektes „The Happy Vulvas“, located in Kiel. Zusammen mit meiner Freundin Marília drucken wir Illustrationen von Vulven auf T-Shirts und geben Workshops rund ums Thema Vulva und Siebdruck. Begonnen hat das Ganze, als ich für ein anderes Projekt auf der Suche nach Bildern für Vulven war und feststellte, dass ich keine fand, mit denen ich mich identifizieren mochte. Entweder waren sie stark sexualisiert, dann fand ich mich schnell in pornografischen Kreisen wieder oder sie waren so stark reduziert, das jegliche Details fehlten und sie mir somit fremd erschienen. Mit „The Happy Vulvas“ wollen wir vor allem positive Bilder schaffen, die empowern und unser Geschlecht sichtbar machen, das im Vergleich zum Penis noch stark tabuisiert ist. Ich bin Feministin und möchte alle Frauen* um mich herum ermutigen und doch zweifel ich an mir selbst auch immer wieder. Ein eigenes „Unternehmen“ gründen? Selbstständig im Berufsleben? Tue ich das Richtige, trete ich jemanden damit auf die Füße? Schaffe ich das überhaupt?

Es gibt Momente, in denen fühle ich mich überhaupt nicht stark, sondern zermürbt von Selbstzweifeln. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, bin die erste Frau die studiert hat und einen Führerschein gemacht hat. Meine Mutter wünscht sich Sicherheit für mich, mein Vater, dass ich das tun kann, was mich glücklich macht. Er selbst hat das nicht geschafft. Er kam nach Deutschland mit einem Stipendium zum Studieren und in der Hoffnung, hier gut leben zu können. Doch er brach das Studium ab und schlug sich seitdem mit Gelegenheitsjobs herum. Oft war er lange Zeit arbeitslos, dafür wurde er Musiker. Er erlebte viel Rassismus, bekam keine Stellen aufgrund seines „ausländischen“ Namens, wurde terrorisiert vom Arbeitsamt und als „fauler Ausländer“ stigmatisiert.

Wer bei Rassismus bisher immer nur an glatzköpfige Nazis mit Springerstiefeln und Kampfhunden an der Leine denkt, der irrt. Dadurch, dass mein Vater darunter litt, tat ich es auch, denn ich lebte mit ihm zusammen. In der Schule musste ich die Hand heben, wenn es darum ging, welche Schüler*innen Zuschüsse für die geplante Klassenfahrt kriegen. Ich hatte in der Mensa Essenskarten, die alle entlarven, deren Eltern nicht genug Kohle hatten. Ja, das war lange schlimm und geschämt habe ich mich auch. Dennoch habe ich das damals nie in einen Zusammenhang mit Rassismus gebracht.

Es musste erst der Abend in unserer WG-Küche kommen: „Du hast noch nie Rassismus erlebt? Natürlich hast du!“, sagte mein Mitbewohner währenddessen. Und er sagte das auf eine so bestimmende Art, die keinen Zweifel lässt. „Denk mal drüber nach, aber Leute behandeln dich anders, aufgrund deines Äußeren, so sind Menschen nun mal.“ Dieser letzte Satz blieb hängen. Werde ich anders behandelt, aufgrund meines „nicht-norm-deutschen“ Aussehens?

Die Frage ist knifflig, denn ich sehe ja schon immer so aus, wie ich aussehe und kann daher nicht vergleichen. Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn ich z. B. blond wäre und blaue Augen hätte. Doch ich habe einen Blick dafür entwickelt, nach PoCs (People of Color) in meinem Umfeld zu suchen, nach Repräsentation und Vorbildern. In meiner akademischen Bubble rund um meine Hochschule (ich war an einer Kunsthochschule) gab es nicht eine Person of Color in einer lehrenden Funktion. Keine Professur, kein Tutorium, keinen Lehrauftrag. Nichts. Unter den Studierenden, ja, da gab es welche – aber es war eher die Ausnahme. Das Gefühl, die Ausnahme zu sein bekam ich auch immer wieder zu spüren. Es fing schon bei der Eignungsprüfung an (dem Bewerbungsverfahren an der Uni) dass mich die Professor*innen nach meiner Herkunft fragten. In wiederkehrenden Arbeitsgesprächen wurde darauf auch immer wieder gerne Bezug genommen und mein Interesse an „bunten Farben“ erklärt. Eine Mitarbeiterin aus der Verwaltung sagte mir, nachdem sie mich zu meinem Nachnamen befragt hatte „Ah, Sie sprechen aber gut Deutsch!“ Danke, Sie aber auch, hätte ich mal sagen sollen. Habe ich aber nicht.

Ich finde es ja per se nicht schlimm, wenn Leute mich fragen „woher ich denn komme“. Doch zu oft geschieht es in einem Kontext, der es mir nicht erlaubt, selbst darüber zu bestimmen, ob ich gerade Lust habe darüber zu reden oder nicht. Ob ich gerade Lust habe, die immer gleichen Fragen zu beantworten (Nein, ich spreche kein Kolumbisch, wenn überhaupt müsste das Kolumbianisch heißen, aber auch das ist falsch, denn Kolumbianer sprechen meistens Spanisch), oder die immer gleichen Vorurteile aufzulösen (Nein, mein Vater hat nichts mit Koks zu tun, auch wenn sein Name zufälligerweise Pablo ist).

Auch Kommentare zu meiner Hautfarbe/Haaren/etc. waren wohl oft als Komplimente gemeint, doch hinterließen sie in mir auch oft das Gefühl, anders zu sein und mich eher dafür schämen zu müssen. Ich würde nicht soweit gehen, alle Menschen, die solche oder ähnliche Äußerungen schon einmal gemacht haben, als Rassisten zu bezeichnen. Vieles war nett gemeint, aus Interesse gefragt und meistens vor allem unbedacht geäußert. Das Problem ist vielmehr, das sehr diskriminierende System, in dem wir leben mit rassistischen Strukturen, die sich eingeschlichen und manifestiert haben. Das allein schon einmal anzuerkennen, ist viel wert. Es ist Fakt, das Personen of Color nicht die gleichen Chancen haben, wie weiße Personen. Es heißt nicht umsonst white privilege.

Menschen, auf die das zutrifft, reagieren oft sehr empfindlich auf dieses Thema. Sie streiten ab oder fühlen sich angegriffen. Nein, niemand ist gleich ein Nazi, oder ein Rassist. Das möchte ich nicht sagen. Es geht mir aber um Sensibilisierung gegenüber bestimmten Personen. Um das „Sich-Umgucken“ und Hinterfragen. Und um Repräsentation.

Wenn es schon etwas besonderes ist, eine UnternehmerIN zu sein, dann erst recht eine nicht-weiße. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass das nicht etwas Besonderes bleibt, sondern einfach normal wird. Dass sich vor allem auch die trauen, deren Familien nicht eh schon aus einem Akademiker*innenhaushalt stammen und auf einen Sack voll Kohle sitzen. Es so viele Möglichkeiten, wir müssen sie nur nutzen.

Text und Bild: Alisa Nieto Lühr

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